Hochschulen als Brutkästen für Jungfirmen

Fokus

Horizonte – Das Schweizer Forschungsmagazin – Santina Russo

Vom Tüfteln im Labor bis hin zum Verkaufsargument für Kundinnen ist es ein weiter Weg. Die Hochschulen helfen bei den ersten Schritten. Einblick in die Anfänge von Schweizer Spin-offs bei ihren Heiminstitutionen.

«Nirgends sonst hat man als Einzelner so viel Einfluss», sagt Betim Djambazi. Der Maschinenbauingenieur von der ETH Zürich steuert zusammen mit drei Kollegen darauf zu, ein Spin-off zu gründen. Ihr Produkt: Ein schlangenartiger Roboter namens Roboa, der durch seine Form und Fortbewegungsart an unzugängliche Orte kommt, etwa durch enge Rohrleitungen. Die Technologie dafür hat das Team vor vier Jahren im Fokus-Projekt ihres Bachelorstudiums entwickelt. «Wir wollten etwas machen, das nicht nur im Labor, sondern auch im echten Leben funktioniert», sagt Djambazi. An die Gründung eines Spin-offs hat das Team damals aber noch nicht gedacht. «Wir hatten einfach Spass daran, eine Technologie zum Laufen zu bringen, die es noch nicht gab.»

«Wir wollten etwas machen, das nicht nur im Labor, sondern auch im echten Leben funktioniert.

»Betim Djambazi

Genau so, in einem spielerischen Kontext, fange Unternehmertum häufig an, sagt Frank Floessel, Leiter eines Büros namens ETH Entrepreneurship. An der Hochschule gibt es ein eigenes Gebäude für die kreative Zusammenarbeit, das Student Project House. «Hier können Studierende und Projektteams einfach mal an einer Idee basteln und schauen, wie weit sie kommen.»

Floessels Team hat die Aufgabe, angehende Spin-offs zu unterstützen – dort, wo sie gerade Hilfe benötigen. «Zu uns kommen die Leute vielfach schon früh im Prozess, wenn sie an etwas arbeiten, von dem sie denken, dass es vielleicht wirtschaftlich interessant sein könnte», sagt Floes­sel. «Wir begleiten sie dann auf dem Weg, die Idee von der Wissenschaft in die Wirtschaft zu übersetzen.» Das umfasst zum Beispiel das direkte Coaching der Leute, das Vermitteln der richtigen Kurse, Workshops und Fördergeld-Wettbewerbe – je nachdem, wie weit eine Idee bereits gediehen und wie viel unternehmerisches Wissen bereits vorhanden ist.

Die Jungs von Roboa etwa haben sich als Erstes erfolgreich bei Talent Kick beworben. Dieses Programm verschafft angehenden Unternehmerinnen einen ersten kleinen Zustupf sowie ein Coaching und bringt sie mit möglichen Mitgründenden zusammen. Im Februar 2024 hat sich das Roboa-Team dann einen Pioneer Fellowship gesichert, einen sogenannten Incubator Grant, der ETH-Angehörigen vorbehalten ist. «Da geht es darum, an­gehenden Firmengründenden Geld und 18 Monate Zeit zu verschaffen, um über Ihrer Technologie zu brüten und sie auf eine Weise weiterzuentwickeln, dass sie einen Markt findet», sagt Floessel. Der Prozess, Technologien aus dem Labor fit für den Markt zu machen, benötigt meist ordentlich Zeit.

Viele weitere Hochschulen und Organisationen bieten Wettbewerbe um ähnliche Fördergelder für existierende und angehende Spin-offs an, etwa Venture Kick, ein Wettbewerb über mehrere Runden, der Angehörigen aller Schweizer Hochschulen offensteht. Die vielleicht wichtigste Rolle in diesem Fördersystem spielt Innosuisse. Diese Agentur des Bundes finanziert spezifisch Erkenntnisse und Technologien aus der Schweizer Forschungslandschaft, um sie zu marktfähigen Produkten zu formen – die dann Arbeitsplätze generieren und die Gesellschaft weiterbringen sollen. Floessel schätzt, dass Spin-offs, die sich in den Wettbewerben um solche Unterstützung durchsetzen, bis zu einer Million Franken Fördergeld einholen können. Der Vorteil dieser Grants: Anders als später bei der Suche nach einem Venture Capitalist, also einem grossen Investor, müssen die Gründenden für den finanziellen Zustupf keine Aktien abgeben und behalten die volle Kontrolle über ihre Firma.

«Zunächst müssen wir die Forschenden ansprechen und ihnen zeigen, dass die Firmengründung ein valabler Karriereweg ist.»

Frank Floessel

Davon profitiert auch das Roboa-Team. Dank dem Pioneer Fellowship haben Betim Djambazi und seine Kollegen nun Zeit, um ihren mittlerweile dritten Prototyp nochmals weiterzuentwickeln. «Der Roboter funktioniert, das wissen wir aus unseren Tests», sagt Betim Djambazi. Allerdings bisher nur in den Händen seiner Entwickler, die die Kinderkrankheiten ihres Roboters gut kennen. «Nun wollen wir ihn so weit bringen, dass auch unsere späteren Kunden verlässlich damit arbeiten können.»

Doch es braucht nicht nur Geld, um Spin-off-Gründungen zu fördern. «Zunächst müssen wir die Forschenden ansprechen und ihnen zeigen, dass die Firmengründung ein valabler Karriereweg ist», sagt Floessel. Laut einer Befra­gung von 2021 unter fast 7000 Schweizer Studierenden sind rund sieben Prozent in einem Firmengründungs­prozess involviert, und ein bis zwei Prozent hatten bereits eine Firma gegründet. Floessels Team organisiert darum regelmässig Events, an denen Gründerinnen etablierter Spin-offs von sich und der Firma erzählen. «So erhalten die quasi latenten Gründer Vorbilder, die sie ausfragen können und die zeigen, dass es funktionieren kann.»

Gründerinnen im Dialog mit potentiellen Kunden

Gründerinnen und Gründern steht ein ganzes Netzwerk von Unterstützungsprogrammen mit klingenden Namen zur Verfügung. Ein wichtiges ist der Startup Campus, ein Konsortium aus verschiedenen Hochschulen, Technologie- und Innovationsparks und weiteren Unterstützungsorganisationen. Es bietet Start-up-Trainings und -Förderprogramme, sogenannte Incubators, an. «Damit wollen wir potenzielle Gründende abholen und sie im gesamten Prozess begleiten», sagt Matthias Filser, Leiter des Startup Campus und der ZHAW-Fachstelle Entrepreneurship. Die Start-up-Teams werden etwa dabei unterstützt, ein Businesskonzept und ein marktfähiges Produkt zu entwickeln und sich auf die Investorensuche vorzubereiten.

Für Filser mit das Wichtigste: die Gründenden in den Dialog mit möglichen späteren Anwendern zu bringen, damit klar wird, welche Art Produkt oder Leistung ihnen einen Mehrwert bietet und wofür sie bereit sind, zu zahlen. Gesamthaft hat der Startup Campus seit 2013 rund 3700 angehende Firmengründende ausgebildet. Die unterstützten Start-ups haben zusammen über 50 Millionen Franken Investitionskapital gesammelt. Insgesamt unterstützen im Schweizer Spin-off-Ökosystem rund 70 ­Organisationen angehende Unternehmende aus Hochschulen mit Fördergeld, Ausbildungsmöglichkeiten und Coaching.

«Was die Förderung von Spin-offs bis zur Suche nach einem Inves­tor angeht, ist die Schweiz verglichen mit anderen Ländern sehr gut aufgestellt», sagt Filser.

Mehr zum Artikel

Foto: Lucas Ziegler

Sponsoring