
Wenn ich zurückblicke, gab es nie den grossen Karriereplan. Eigentlich war ich immer auf der Suche nach der nächsten Frage und nicht nach der nächsten Position.
Was mich schon früh angetrieben hat, war Neugier. Ich wollte verstehen, wie Dinge funktionieren, Zusammenhänge erkennen und Neues lernen. Und ehrlich gesagt hat mich diese Neugier bis heute nicht verlassen.
Eigentlich hat mich mein ganzes Berufsleben dieselbe Frage begleitet: Was kann ich noch nicht und was möchte ich noch lernen?
Deshalb habe ich Entscheidungen selten danach getroffen, welcher Titel als Nächstes auf der Visitenkarte stehen könnte. Mich hat vielmehr interessiert, ob mich eine Aufgabe reizt, ob ich etwas Neues lernen kann und ob ich dort etwas Sinnvolles beitragen kann.
So bin ich auch in der IT gelandet. Nicht nur, weil mich Technologie fasziniert hat, sondern weil mich etwas anderes interessiert hat: Wie funktionieren Unternehmen? Warum laufen manche Dinge gut und andere nicht? Wie spielen Prozesse, Menschen und Systeme zusammen? Und warum gelingen manche Veränderungen, während andere scheitern?
Die IT hat mir die Möglichkeit gegeben, genau diese Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Deshalb bin ich im Laufe meiner Karriere auch immer wieder in neue Themen eingetaucht. Sobald ich das Gefühl hatte, etwas verstanden zu haben, interessierte mich meist schon die nächste Frage.
Viele meiner beruflichen Schritte waren nicht lange geplant. Oft habe ich Chancen ergriffen, weil sie spannend waren und ich wissen wollte, ob ich es schaffe. Manchmal wusste ich nicht genau, worauf ich mich einlasse. Rückblickend waren genau das meistens die Situationen, in denen ich am meisten gelernt habe.
Wichtig war mir immer, dass meine Arbeit einen Nutzen hat. Ich wollte nie einfach nur beschäftigt sein. Es motiviert mich, wenn etwas am Ende besser funktioniert als vorher oder wenn man gemeinsam etwas erreicht, das alleine nicht möglich gewesen wäre.
Mit den Jahren habe ich auch gelernt, dass man seinen Weg nicht zu stark an den Erwartungen anderer ausrichten sollte. Gerade als Frau begegnet man immer wieder Vorstellungen davon, wie Beruf, Familie oder Karriere aussehen sollten. Für mich war wichtig, herauszufinden, was zu meinem Leben passt und nicht einfach das zu machen, was man vermeintlich «so macht».
Familie und Beruf waren für mich nie zwei getrennte Welten. Beides gehört zu meinem Leben und beides hat meine Entscheidungen geprägt. Nicht immer war alles perfekt planbar. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass man nicht auf den perfekten Zeitpunkt warten sollte, um einen nächsten Schritt zu wagen.
Heute bin ich CIO und Mitglied der Geschäftsleitung der ÖKK. Wenn ich auf meinen Weg schaue, denke ich nicht zuerst an Positionen oder Karriereschritte. Ich denke an all die Menschen, von denen ich lernen durfte, an die Chancen, die ich erhalten habe, und an die vielen Fragen, die mich immer wieder neugierig gemacht haben.
Und vielleicht ist genau das der rote Faden meiner Laufbahn: die Freude daran, Neues zu lernen, Zusammenhänge zu verstehen und Dinge gemeinsam besser zu machen.
SWONET: Was fasziniert und begeistert Dich an Deiner Arbeit?
Verena Muth: Mich begeistert, wenn aus einer Idee etwas Konkretes wird. Wenn Menschen gemeinsam an einem Ziel arbeiten, unterschiedliche Perspektiven einbringen und am Ende etwas entsteht, das vorher nicht da war.
Ich mag die Mischung aus Denken und Umsetzen. Themen zu durchdringen, Entscheidungen zu treffen und dann zu sehen, wie daraus Schritt für Schritt Realität wird, finde ich unglaublich motivierend.
Und ich schätze die Begegnungen mit ganz unterschiedlichen Menschen. Gerade diese Vielfalt macht meine Arbeit jeden Tag aufs Neue interessant.
SWONET: Wie betrachtest Du Karriere, früher und heute?
Verena Muth: Früher habe ich Karriere vor allem mit den Möglichkeiten verbunden, Neues zu lernen und mich weiterzuentwickeln. Heute denke ich bei Karriere weniger an die eigene Entwicklung und stärker an die Verantwortung, die damit verbunden ist.
Mit jeder neuen Aufgabe habe ich gemerkt, dass die eigenen Entscheidungen nicht mehr nur die eigene Arbeit beeinflussen, sondern auch andere Menschen, Teams oder ganze Bereiche.
Wenn ich zurückblicke, sind es nicht die Funktionen oder Titel, auf die ich stolz bin. Es sind die Menschen, die Projekte und die Veränderungen, die wir gemeinsam auf den Weg gebracht haben.
SWONET: Was ist Dein Rat für Berufseinsteigerinnen oder Gründerinnen?
Verena Muth: Mein Rat ist, den eigenen Weg zu gehen und sich nicht zu sehr von Erwartungen leiten zu lassen.
Es gibt viele Vorstellungen darüber, wie Karriere, Familie oder Führung aussehen sollten. Aber es gibt nicht den einen richtigen Lebensentwurf.
Wichtig ist, sich immer wieder zu fragen, was zu den eigenen Werten, Zielen und zur eigenen Lebenssituation passt. Die besten Entscheidungen meines Lebens waren meistens die, die sich für mich richtig angefühlt haben und nicht unbedingt die, die andere erwartet hätten.
SWONET: Wie startest Du in den Tag?
Verena Muth: Ich bin meistens früh unterwegs.
An den Tagen in Landquart fahre ich oft los, während mein Partner und mein Sohn noch schlafen. Die Zeit im Auto nutze ich ganz unterschiedlich. Mal läuft Musik, mal ein Podcast und manchmal telefoniere ich schon mit Kolleginnen und Kollegen, um erste Themen zu besprechen.
Ich mag diese Stunden am Morgen. Sie geben mir Zeit, Gedanken zu sortieren, bevor der Tag Fahrt aufnimmt.