
Kleidung, die Persönlichkeit sichtbar macht.
Nach meiner Ausbildung zur Damenschneiderin spezialisierte ich mich im englischen Herrenhandwerk «Bespoke». Dieses traditionelle Handwerk ist in der Schweiz kaum noch vertreten. So stand ich vor der Entscheidung, ins Ausland zu gehen oder meinen eigenen Weg zu wählen. Ich entschied mich für die Selbstständigkeit.
Mein Atelier wuchs Schritt für Schritt. Zunächst arbeitete ich im Wohnquartier Enge an der Rieterstrasse im Souterrain hinter dem Haus. Nach sechs Jahren bewarb ich mich für eine Ladenfläche in der Europaallee und erhielt den Zuschlag. Seit dem 1. April 2015 führe ich mein Atelier an der Lagerstrasse 96, mitten im Zentrum von Zürich.
Der Umzug war intensiv. Tagsüber nähte ich im bisherigen Atelier, nachts baute ich die neuen Räume aus. Jeder Schritt entstand aus eigener Kraft, getragen von Ausdauer und Hingabe.
Als ausgebildete Damen- und Herrenschneiderin vereine ich seit Beginn beide Fachrichtungen. Diese Kombination ist selten geworden. Neben Feinmass für Damen und Herren fertige ich auch Masskonfektion, produziert bei Scabal in Portugal.
Schon am ersten Tag meiner Ausbildung wusste ich, dass dies mein Beruf ist. Ich hatte das Glück, in beiden Fachrichtungen von Lehrmeistern gefördert zu werden, die mein Talent erkannten. Diese Förderung gab mir Mut. Die Selbstständigkeit gab mir Richtung. Die Leidenschaft trägt mich bis heute.
Heute bin ich 42 Jahre alt und führe mein Atelier seit 17 Jahren. Gemeinsam mit meiner Mitarbeiterin bilde ich ein starkes Team.
Ich bin alleinerziehende Mutter von drei Mädchen. Von Anfang an waren sie Teil des Ateliers, umgeben von Stoffen, Formen und Kreativität. Es ist mir wichtig, ihnen Wertschätzung für Material, Handwerk und Selbstständigkeit vorzuleben und ihnen den Mut zu vermitteln, mit den eigenen Händen etwas entstehen zu lassen.
SWONET: Was fasziniert und begeistert Dich an Deiner Arbeit?
Eva Bräutigam: Meine Arbeit ist meine Passion. Mich begeistern edle Stoffe, klare Linien und die Präzision im Detail. Besonders berührt mich der Moment, in dem ein individuell gefertigtes Kleidungsstück seinem Menschen vollkommen entspricht.
Nach vielen Stunden Handarbeit verlässt jedes Stück mein Atelier mit einer eigenen Geschichte. Bevor es abgeholt wird, bleibt es eine Nacht im Raum als stiller Moment der Ruhe vor seinem Auftritt.
Kleidung kann Haltung stärken, Persönlichkeit sichtbar machen und innere Grösse unterstreichen. Genau das ist mein Anspruch.
Mein Beruf schenkt mir zudem bereichernde Begegnungen mit inspirierenden Menschen aus unterschiedlichsten Fachgebieten.
SWONET: Wie betrachtest Du Karriere, früher und heute?
Eva Bräutigam: Sechs Jahre arbeitete ich im Atelier im Souterrain hinter dem Haus. Heute empfange ich meine Kundinnen und Kunden in einem lichtdurchfluteten Raum an der Europaallee. Der Schritt in die Sichtbarkeit war mutig und richtig.
Ich habe mein Atelier selbst ausgebaut. Es trägt meine Handschrift, im Handwerk ebenso wie im Raum.
Bewusst halte ich mein Unternehmen klein. So bleibe ich Schneiderin und werde nicht zur reinen Organisatorin.
Wachstum bedeutete für mich nie Grösse, sondern Qualität. Mein Ziel war stets, das Handwerk weiter zu verfeinern und jede Arbeit individuell zu gestalten. Heute fühle ich mich angekommen und lerne doch jeden Tag weiter.
SWONET: Was ist Dein Rat für Berufseinsteigerinnen oder Gründerinnen?
Eva Bräutigam: Liebe, was du tust. Investiere Zeit, entwickle deine Fähigkeiten und behalte dein Ziel klar vor Augen. Wachse mit jeder Erfahrung.
SWONET: Wie startest Du in den Tag?
Eva Bräutigam: Ich beginne den Morgen mit meinen drei Töchtern. Wir frühstücken gemeinsam, dann fahren wir mit dem Fahrrad in die Schule, in den Kindergarten und in die Kita, und ich weiter ins Atelier.
Auf dem Weg ordne ich gedanklich den Tag, setze Prioritäten und plane Abläufe. Struktur gibt mir Ruhe.
Kurz nach 17 Uhr schliesse ich das Atelier und hole meine Kinder ab. Dann gehört meine Zeit ihnen.
Mein Alltag verlangt Organisation und Energie. Doch meine Kinder und mein Beruf geben mir ebenso viel Kraft zurück.