Ein Spital voller Patienten und die Ärzte alle im Aktivdienst – wie Marie Lüscher zur Chefchirurgin aufstieg

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Neue Zürcher Zeitung – Denise Schmid

An der Zürcher Pflegerinnenschule erkannte man ihr Potenzial: Marie Lüscher war Mitte des 20. Jahrhunderts die einzige Chefchirurgin der Schweiz.

Im Sommer 1939 stellt der Chefchirurg des Bürgerspitals Basel, Vorläufer des heutigen Universitätsspitals, zwei junge, frisch promovierte Ärztinnen ein: die 27-jährige Marie Lüscher und die 26-jährige Gret Gisler.

Frauen finden damals kaum Assistenzstellen in der Chirurgie. Doch es sind besondere Zeiten; der Krieg steht vor der Tür. In der Spitalleitung macht man sich Sorgen.

Professor Rudolf Staehelin, der Leiter der Medizinischen Klinik, hat sich bereits ein Jahr zuvor beim Spitaldirektor erkundigt, wie man im Kriegsfall den Betrieb aufrechtzuerhalten gedenke: «Auf der medizinischen Abteilung bleiben also bei einer Mobilisation nur Prof. Massini und ich übrig [. . .]. Auf der chirurgischen Abteilung gar niemand.»

Er bittet um konkrete Informationen, was bei einer Generalmobilmachung geschehen soll. Ein Spital voller Patienten und die Ärzte alle im Aktivdienst, was tun? Also gibt der Chefchirurg Professor Carl Henschen den beiden jungen Ärztinnen eine Chance und stellt sie im August ein.

Nach der Generalmobilmachung Anfang September 1939 verbleiben auf der Chirurgie des Bürgerspitals ein paar eiligst herbeigerufene Pensionierte, die beiden Anfängerinnen, ein paar Studentinnen und der 62-jährige Chefarzt. Gret Gisler schildert in einem Brief die Situation am 3. September 1939: «Und ich gehe früh ins Spital, das eine Rotkreuzfahne trägt und vor dem Tor eine Barrikade hat, wo ich auf der Chirurgie den Dienst versehe, für den ich früher jahrelange ‹Einarbeitung› gebraucht hätte.»

Marie Lüscher und Gret Gisler arbeiten bis an den Rand ihrer Kräfte. Ob Blinddarm-, Magen- oder Gallenoperationen, man traut den beiden jungen Ärztinnen sofort viel zu. Sie lernen sehr schnell sehr viel, und Marie Lüscher stellt fest, dass ihr dieser herausfordernde Beruf entspricht und gefällt.

Die 1912 Geborene ist die Tochter des Kunstmalers Jean Jacques Lüscher und der reichen Erbin Adèle Lüscher-Simonius. Sie verbringt eine unkonventionelle Jugend zwischen dem Neuen Wettsteinhaus in Riehen und Südfrankreich, bevor sie ab 1926 die Töchterschule in Basel besucht und in den 1930er Jahren Medizin in Lausanne, Basel und Edinburg studiert.

Sie ist eine intellektuelle Überfliegerin und bringt alles mit, was es für den Beruf der Chirurgin braucht. Die junge Ärztin lässt sich nicht leicht aus der Ruhe bringen, sie ist sehr gross, kräftig gebaut, selbstbewusst und hat feine, geschickte Hände.

Mit ihrer Herkunft aus dem «Basler Daig» verfügt sie zudem über beste Beziehungen. Gerne würde sie Karriere machen, womöglich bis zu einer Professur. Wäre sie ein Mann, würde man sie mit offenen Armen empfangen. Doch nach dem Einstieg am Bürgerspital wird ihr bald klar: Sie hat das falsche Geschlecht. Man gibt ihr deutlich zu verstehen, dass sie keine Chance haben wird weiterzukommen, egal, wie gut sie ist.

Zähe Entwicklung des Frauenanteils

Frauen traut man die Chirurgie lange nicht zu. In den strikt hierarchischen Strukturen werden nur Männer gefördert, weil man denkt, Frauen könnten den Beruf physisch und psychisch nicht bewältigen, und davon ausgeht, dass sie ohnehin früher oder später heiraten und aus der Laufbahn kippen.

Am Universitätsspital Zürich taucht die erste Oberärztin für Chirurgie 1993 auf, die erste Frau mit einem Lehrstuhl in einem chirurgischen Fach gibt es in Zürich gerade einmal seit letztem Jahr. Genf und Bern waren schneller. In Basel gibt es bis heute keine Chirurgin mit Lehrstuhl, ausser in der Gynäkologie, die aber traditionell ein Frauenfach ist.

Gesamthaft beträgt der Frauenanteil im Arztberuf mittlerweile 44,9 Prozent, wobei die chirurgischen Fächer nach wie vor am stärksten hinterherhinken. Gemäss der FMH-Ärztestatistik von 2021 sind in einzelnen Spezialgebieten wie der Thoraxchirurgie 9,1 Prozent Frauen vertreten, in der orthopädischen Chirurgie 11,4 Prozent und in der allgemeinen Chirurgie 25,7 Prozent.

Mit ihrem Wunsch nach einer Spitalkarriere im Fach Chirurgie ist Marie Lüscher in den 1940er Jahren ein absoluter Solitär. Ihre Kollegin Gret Gisler findet einige Jahre später in der Kinderchirurgie des Bürgerspitals Basel zwar einen Förderer und könnte dort Chefchirurgin werden. Doch sie entscheidet sich für die Ehe mit einem Kollegen und überlässt diesem den Posten.

Marie Lüscher will nach zwei Jahren am Bürgerspital aufgeben und beschliesst, nach dem Facharzttitel eine Praxis zu eröffnen. Doch 1943 wendet sich das Blatt: Sie wechselt nach Zürich an die Schweizerische Pflegerinnenschule mit Frauenspital, umgangssprachlich Pflegi genannt.

Die dortige einzige Chefchirurgin der Schweiz, Martha Friedl-Meyer, erkennt das Potenzial der jungen Kollegin und fördert sie. 1946 wird Marie Lüscher Oberärztin. Nach fünf Jahren an der Pflegi und neun Jahren im Beruf erhält sie im März 1948 ihr Diplom als «Spezialarzt Chirurgie» der Foederatio Medicorum Helveticorum (FMH), als zweite Frau überhaupt.

Mit 35 Jahren ist sie ausgebildete Chirurgin. Sie geht noch ein Jahr ans Universitätsspital Heidelberg, zwei Jahre ans Kantonsspital Zürich und ein Jahr in die USA. 1953 kehrt sie an die Pflegi zurück und tritt die Nachfolge von Martha Friedl-Meyer als einzige Chefchirurgin der Schweiz an.

Die Ursprungsidee der drei Gründerinnen des Frauenspitals war 1901, dass man nicht nur Krankenschwestern ausbilden, sondern auch Ärztinnen die Möglichkeit zur Ausbildung und zu Leitungsfunktionen geben wollte. Die Schweizerische Pflegerinnenschule mit Frauenspital ist bis zur Fusion mit dem Spital Zollikerberg 1998 ein mittelgrosses Spital und eine der grossen Geburtskliniken der Stadt Zürich.

Sie stellt in der von Männern dominierten Medizin Mitte des 20. Jahrhunderts eine Art Gegenwelt dar. Ein Haus voller Frauen, das erfolgreich von Frauen geführt wird. In den 1970er Jahren beginnt sich die Pflegi langsam zu wandeln. Man stellt vermehrt Ärzte ein und behandelt ab 1968 auch männliche Patienten.

Mit ihrer Beförderung hat Marie Lüscher den Zenit ihrer Karriere erreicht. Sie bleibt Chefchirurgin der Pflegi von 1953 bis zur Pensionierung 1975. Ihrer späteren Lebensgefährtin Ruth Gattiker, die 1955 bei ihr als Assistenzärztin zu arbeiten beginnt, rät sie von der Chirurgie ab. Sie solle besser zur Anästhesie wechseln, das sei ein neues Fach, da habe sie vielleicht mehr Chancen.

Ruth Gattiker geht 1958 ans Kantonsspital Zürich. Dort kann sie sich in den 1960er Jahren in Zusammenarbeit mit dem berühmten Herzchirurgen Åke Senning auf Anästhesie für Herzchirurgie spezialisieren. Sie habilitiert sich und wird 1976 eine der ersten Professorinnen für Medizin. Gattiker verdankt ihre Karriere nicht zuletzt auch dem Rat ihrer Freundin und Mentorin Marie Lüscher.

Ärztinnen fördern nächste Generationen

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf war in diesen Frauengenerationen kein Thema. Wer Karriere machen wollte, verschrieb sich der Medizin. Die Leitenden Ärztinnen der Schweizerischen Pflegerinnenschule hatten Mitte des 20. Jahrhunderts fast alle das gleiche Profil.

Sie stammten aus gebildeten, gutbürgerlichen Kreisen oder der Oberschicht. Sie blieben ledig, oder wenn sie heirateten, hatten sie keine Kinder. Annemarie Hürzeler, eine Pflegefachfrau, die Anfang der 1970er Jahre an der Pflegi im OP arbeitete, sagt: «Marie Lüscher, Regula Ehrat und andere Leitende Ärztinnen waren alle eindrückliche Persönlichkeiten. Man spürte, dass sie es nicht immer leicht gehabt hatten.»

Die Leitenden Ärztinnen der Pflegi inspirierten und förderten nächste Generationen. Die erste Oberärztin für Chirurgie am Triemlispital, Rosa Ingold, begann ihre Ausbildung bei Marie Lüscher und die erste Chefchirurgin am Spital Interlaken, Irene Senn, ebenso. Das war in den 1970er Jahren, da zeigten sich erste zaghafte Zeichen der Veränderung für Chirurginnen an neuen und regionalen Spitälern. Ohne die Pflegi und ihre eindrückliche Chefchirurgin hätte es wohl noch länger gedauert.

Der Artikel von Denise Schmid 

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