Caroline Haerdi war in ihrem ersten Berufsleben Europas bekannteste Messerwerferin.

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GASTRO Journal – Corinne Nusskern

Vor 15 Jahren hat Caroline Haerdi die Messer gegen ganze Bestecksets getauscht und führt seither das Café Kafka am Strand im Basler Literaturhaus. Juckt es die Wirtin manchmal noch in den Fingern?

Der Name des Cafés «Kafka am Strand» geht auf einen Beststeller der Nullerjahre des japanischen Autors Haruki Murakami zurück. Doch kafkaesk ist am Café im Literaturhaus Basel rein gar nichts. Schon gar nicht die lebensfrohe Pächterin Caroline Haerdi (58). «Der Name war schon gegeben, als ich das Café übernommen habe», sagt sie.

Es ist gemütlich, an der Wand lehnt ein klassisches mit Gläsern und Kuchen bestücktes Buffet, Holztische und -stühle, ein goldener Bilderrahmen fasst die Menüschiefertafel – und links neben der Eingangstür hängt ein riesiges Dekomesser an der Wand. Zufall? Haerdi lacht. 26 Jahre lang arbeitete sie als Artistin, Feuerschluckerin und Messerwerferin – teilweise mit verbundenen Augen. «Alle glauben immer, der Mann wirft», erzählt sie. «Umso grösser war jeweils die Überraschung, wenn ich meinem Partner Arno Black die Messer aus der Hand nahm und er sich an die Wand stellte.»

Messerwerferin – nicht unbedingt ein gängiger Beruf. «Meine Eltern waren Opernsänger, und ich suchte nach etwas, das meines wird», erzählt die Baslerin. Sie kam zum Zirkus, wusste aber, dass sie mit 20 nicht mehr mit Akrobatik beginnen kann. Irgendwann entstand die Idee mit dem Messerwerfen. Sie trainierte und entwickelte ihre eigenen Nummern. «Es ist wie ein Handwerk, und es wurde meins.» Viele Jahre war sie die einzige Messerwerferin in Europa und tourte mit ihren Shows durch die Welt.

 

Das Café, die kleine Bühne

Haerdis Affinität für die Gastronomie entstand beinahe gleichzeitig. «In der Wintersaison ruht der Zirkus, da ist Gastro als Jobmöglichkeit optimal», sagt sie. Sie arbeitete in diversen Betrieben, davon manchen Winter in der Rio Bar am Barfüsserplatz. «Die Arbeit in der Gastronomie machte mir echt Freude.»

Als dann 2008 das Café Kafka am Strand im Basler Literaturhaus ausgeschrieben war, ergriff sie die Chance und bekam den Zuschlag. Der Ort gefiel ihr, ebenso die Grösse des Lokals. Just zwei Jahre zuvor hat Haerdi das Wirtepatent gemacht. Inzwischen hatte sie auch den Wohnwagen, in dem sie über 20 Jahre im Winterquartier in Arlesheim BL lebte, gegen eine Wohnung getauscht. «Irgendwann ist es auch mal gut.»

Sieht sie zwischen den zwei Berufen Parallelen? «Im Café habe ich eine kleinere Bühne, aber sie ist nicht weniger spannend», erläutert sie. «Die Messerwerferei braucht Dampf und Kraft, und es kommt ein Zeitpunkt, an dem man es nicht mehr mit derselben Leichtigkeit macht. Das ist der Moment, um aufzuhören.» Zu Beginn übte sie noch beides gleichzeitig aus, merkte aber bald, dass man weder das eine noch das andere nur nebenbei machen kann.

Der Lockvogel an der Tür

Das Café Kafka am Strand ist in das Basler Literaturhaus integriert, ein Konzept, das zu Beginn nicht alle verstanden haben. Ein- bis zweimal die Woche finden im Literatursaal abends Lesungen oder Veranstaltungen statt, das Café jedoch, ist von morgens bis abends offen. «Ich musste mich nach aussen schaffen», erzählt Haerdi schmunzelnd. «Zu Anfangszeiten stand ich meist draussen, grüsste und lockte Gäste.» Es half, dass sie als Artistin eine Art öffentliche Person war. «Zum Glück! Dies machte die Leute neugierig, denn das Lokal liegt zwar zentral in der Altstadt, ist aber etwas versteckt.»

Haerdi ist eine Gastgeberin mit Verve und Passion – gegen aussen und gegen innen. Ihre zwei Mitarbeitenden, die Köchin Petra Nusch und der Kellner Sello Moreku arbeiten seit zehn Jahren im Kafka am Strand. Diese  Konstanz bei den Mitarbeitenden ist der Wirtin wichtig. «Wir haben viele Stammgäste, und die freuen sich, immer dieselben Gesichter zu sehen», führt sie aus. «So fühlen sie sich aufgehoben. Wir sind ein kleines Lokal, da verbindet das Soziale sehr.»

Am Sofatisch sitzen oft Studenten mit ihren Laptops, mittags kehren Gäste ein, die in den umliegenden Banken, Büros oder Läden arbeiten. Ihnen stehen täglich ein Mittagsmenü zur Auswahl plus eine kleine Karte mit saisonalen, frischen Marktküchegerichten. Die Wirtin steht auch gerne in der Küche. «Meine Stärke sind Saucen», sagt sie stolz. «Und ich bin die Betriebsmetzgerin: Ich kaufe grosse Mocken Fleisch ein und portioniere diese dann selbst.» Alles andere wäre wunderlich gewesen …

 

«Wo sind all die Leute hin?»

Viele Fachkräfte haben die Gastronomie verlassen. Dies merkt auch Haerdi, wenn sie nach Teilzeitmitarbeitenden für Veranstaltungen oder aktuell für die Fasnacht sucht. Es sei extrem schwierig geworden. Früher hatte sie einen Pool mit Studentinnen. «Sie ziehen irgendwann weiter. Da dachte ich oft: Schade wird sie jetzt Ärztin, sie hat es so gut gemacht», erzählt sie. «Aber sonst? Es ist ein grosses Rätsel, wo all die Leute hin sind.» Sie verstehe, dass die Arbeitszeiten für viele nicht mehr passend seien. «Man muss diesen Job einfach gerne machen.»

Seit der Post-Lockdown-Ära schliesst sie das Café an den Wochenenden. «Ich muss meinen Leuten zwei Tage am Stück freigeben, das ist nur konsequent», sagt Haerdi. «Das steigert die Motivation bei allen, wir sind ein Team.» Dann hat auch sie Zeit für sich oder um ein Buch zu lesen. Sie mag die humorvollen Provinzkrimis von Rita Falk. «Hohe Literatur habe ich hier permanent, und zum Abschalten finde ich Falk perfekt.»

Haerdi ist eine präsente Person, sie kommuniziert klar und direkt, aber immer freundlich. «Anfällige Charakteren sind in der Gastronomie nicht gut aufgehoben.» Für Haerdi, die immer ihren Weg gegangen ist, passt die Branche perfekt. Das Kafka soll auch in Zukunft für die Gäste spannend bleiben. Es sei wichtig, den Schnauf und die gute Laune  nicht zu verlieren. «Habe ich mal einen schlechten Tag, darf ich das den Gast weder an meinem Gesichtsausdruck noch im Kochtopf spüren lassen», sagt sie.

Und die Messer? Jongliert sie nur noch mit jenen in der Küche? Haerdi schmunzelt. «Das Messerbrett steht bei mir im Keller», sagt sie. «Messerwerfen ist perfekt, um Dampf abzulassen. Zudem muss ich ab und zu wissen, ob ich es noch kann.» Und? «Die Messer stecken noch.»

Text und Foto Corinne Nusskern

 

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